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Das Passionstympanon über dem Reformationsportal Sie betreten hier das Ulmer Münster nicht durch das Hauptportal, sondern durch das Nordostportal, auch Reformationsportal genannt. In Erinnerung an die Reformation in Ulm 1531 erhielt dies Portal ein Eisengitter mit den Jahreszahlen 1531 – 1931 anlässlich der 400Jahr-Gedenkfeier der Reformation. Nicht schlecht gewählt soll dies Portal Sie in eine evangelische Pfarrkirche einführen. Es erzählt in eindrucksvoller Weise die Passionsgeschichte Jesu – ein für die evangelische Glaubensweise (aber nicht nur für sie) grundlegendes Geschehen. Historisch betrachtet entstand dies Portal einige Jahre vor dem Beginn des Münsterbaus (1377), etwa um 1370, denn es stammt von der Vorgängerkirche, die außerhalb der Stadtmauern ihren Platz hatte und die wohl um die Mitte des 14.Jahrhunderts künstlerisch ausgestaltet worden war. Weil in Belagerungszeiten diese Kirche nicht benutzt werden konnte, beschlossen die Stadtväter den Bau des Münsters mitten in der Stadt; dazu verwendeten sie viele Einzelstücke und Baumaterialien der alten Kirche, so z.B. alle vier Bogenfelder über den Seitenschiffseingängen. Die künstlerische Gestaltung unseres Bogenfeldes erscheint wie eine Weiterentwicklung des Tympanons vom Nordostportal des Heilig-Geist-Münsters in Schwäbisch Gmünd, das stilistisch noch keine Zentrierung auf die Kreuzigungszene kennt, sonst aber in vielen Einzelheiten unser Tympanon vorausnimmt. Der Bildhauer muss für die Parlerwerkstatt gearbeitet haben, die das Heilig-Geist-Münster in Schwäbisch Gmünd gebaut hatte und auch den ersten Bauabschnitt am Ulmer Münster leitete. Beim Einbau in das Portal am Münster wurde wohl im unteren Register links die Getsemaneszene neu geschaffen. Sie zeigt erstmals in der gotischen Tympanonplastik räumliche, dreidimensionale Darstellungsweise.
Passion 1: In die Hände der Menschen fallen. Sehr dramatisch – fast wie in einem mittelalterlichen
Mysterienspiel – wird die Gefangennahme Jesu erzählt. In einem mit
Flechtwerk umzäunten Garten erkennt man links bei den Felsen den betenden
Jesus, der um seine Bereitschaft zum Leiden ringt: "Nicht wie ich will,
sondern wie du willst"(Matth. 26,39); unter ihm die drei schlafenden Jünger.
Rechts davon verrät Judas seinen Herrn mit einem Kuss, worauf hinter
ihm ein Soldat mit erhobenem Arm das Zeichen zum Einsatz gibt. Jetzt ist
es, wie wenn alles in Bewegung geriete: Soldaten steigen über den
Zaun, schwer bewaffnet in Rüstungen, einer spannt gerade seine Armbrust.
Petrus schlägt dem Knecht des Hohenpriesters (Malchus) ein Ohr ab.
Passion 2: Ausgeliefert werden. Hier wird erzählt, wie Jesus vor Pilatus geführt wird: Vier Soldaten mit Schwertern und einer mit einer Hellebarde umringen den gefesselten Jesus. Pilatus sitzt auf einem Thron, auf seinem Kopf einen Kronenhut; und weil er keine Schuld bei Jesus findet, wäscht er seine Hände in Unschuld. Ein Diener neben ihm gießt aus einer Kanne Wasser über die Hände des Pilatus und fängt es in einer Schale wieder auf. Hinter ihm wird die Frau des Pilatus sichtbar, die ihren Mann gewarnt hatte: "Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten". Sehr eindrücklich wird auch die Geißelung Jesu beschrieben. Fünf Soldaten mit Ruten schlagen auf den an einem Pfahl angebundenen Jesus ein, einer sitzt erschöpft vorne, offensichtlich muss er sich von der Kraftanstrengung erst wieder erholen. Die Szene endet rechts mit der Dornenkrönung
und Verspottung Jesu. Zwei Soldaten drücken Jesus mit einer Stange
die Dornenkrone auf den Kopf, während zwei die Knie beugen, um Jesus
als König zu verspotten.
Passion 3: Der Weg zum Kreuz. Die Dramatik setzt sich im oberen Bogenfeld links
mit der "Kreuztragung" fort. Drei Frauen (zwei am äußeren Bogenrand
vielleicht hinzugefügt) möchten Jesus auf seinem schweren Gang
begleiten. Einer der Soldaten will sie lautstark davon abhalten. Im Hintergrund
einer mit erhobenem Arm; ob er den Zug antreiben will? Eine Reihe Reiter
eskortiert, einer zu Fuß hält Jesus an einer Leine. Jesus selbst,
gebeugt unter dem großen Kreuz, kommt nur langsam voran und droht
unter der Last zusammenzubrechen.
Passion 4: Die Kreuzigung In einer großartigen Komposition erhebt sich die Kreuzigungsszene: Aus dem Getümmel im unteren Teil ragt in erhabener Ruhe das übergroße Kreuz Christi hervor. Er hat den Kopf geneigt, die Augen geschlossen: "Es ist vollbracht". Sein Gesicht ist wie nach oben zum Vater gewendet, als ob er dessen Eingreifen erwartete. Rechts und links schweben zwei Engel mit Kelchen: Ein Hinweis auf den Erlösertod, der im heiligen Abendmahl den Glaubenden zugute kommt. Unter dem Kreuz stehen die drei Frauen, die Maria in ihrem Schmerz beistehen: Die Schwester der Maria, die Frau des Kleophas und Maria Magdalena. Neben ihnen sehen wir den Jünger und Evangelisten Johannes mit dem Buch. "Dies ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und dies geschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahrhaftig ist" (Joh. 21,24). Rechts unter dem Johannes würfeln drei Soldaten auf einem Schild um das Gewand Jesu und darüber nehmen zwei Berittene an der Kreuzigung teil. Der linke hat seinen Mund zum Reden geöffnet; er soll an den Hauptmann erinnern, der gesagt hat: "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen". Sehr drastisch vor Augen geführt werden die beiden Schächerkreuze (Das alte Wort Schächer bedeutet "Räuber"). Die Mitgekreuzigten sind über die Querbalken ihrer Kreuze festgebunden, der rechte sogar mit dem Rücken zum Beschauer. Er ist der, der mit den anderen Beteiligten den Gekreuzigten Jesus schmäht und verlangt, dass Jesus sich selbst helfen soll und auch ihm. Seine Seele (in der Gestalt eines kleinen Kindes) wird über dem Kreuz von einem Teufel am Fuß weggeschleppt; der Schächer am linken Kreuz widersprach seinem Mitgekreuzigten und wandte sich an Jesus: "Herr gedenke mein, wenn du in dein Reich kommst", und erhält zur Antwort: "Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein". Über ihm geleitet ein Engel seine "Seele" in den Himmel. Das Kreuz dieses Schächers schwebt, wie wenn es schon nicht mehr irdisch wäre, frei im Raum. Auf Leitern rechts und links steigen die Henker mit
Prügeln, um die Beine der Delinquenten zu zertrümmern. Über
dem Kreuz Jesu hat der Künstler das Symbol des Pelikans mit seinen
Jungen im Nest gestaltet; Der Pelikan gilt als Symbol für
In diesem Bogenfeld rechts unten steigt der Auferstandene
aus einem Sarkophag, in der linken Hand das Kreuz mit der Siegesfahne.
Seine rechte Hand hebt er zur Segensgeste. Zwei Engel begleiten die Szene.
Am Fuß des Grabes kauern die Wächter. Ganz rechts (vielleicht
beim Einbau hinzugefügt) die Begegnung der Maria Magdalena mit dem
Auferstandenen. Sie trägt noch das Salbengefäß, mit dem
sie dem Toten die letzte Ehre erweisen wollte, in der Hand. Sie meint,
Jesus sei der "Gärtner", der deshalb mit einem Spaten ausgerüstet
ist. Nachdem sie ihn erkannt hatte, kommt es zu dem berühmten "Noli
me tangere": "Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren
zu meinem Vater. Gehe aber hin und verkündige es meinen Brüdern"
(Joh. 20,11ff).
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